Es ist noch nicht so lange her, da beschwor Kanzlerin Angela Merkel die „Bildungsrepublik“. Bildungspolitik solle Chefsache werden. Natürlich hieß das nicht, dass Merkel selber ein wenig Bildung in Anspruch nehmen wollte. Vielmehr schwimmen nun unsere jungen Schüler und Studenten seit Jahren so tief in den weiten Bildungungsseen der deutschen Länder, dass sie vor lauter Wasser das Meer gar nicht mehr sehen. Aber wer braucht schon Meer. Wo doch jedes Bundesland seinen eigenen kleinen wunderschönen Jadebusen hat.
Natürlich sieht nicht jeder kleine Jadebusen gleich aus. Das wäre ja langweilig und widerspräche der multikulturellen Vielfalt Deutschlands. So sieht das Schulsystem in Berlin und Brandenburg vor, dass Schüler nach der 6. Klasse von der Grund- zur weiterführenden Schule wechseln, während das in anderen Bundesländern bereits nach der 4. Klasse geschieht. Natürlich besteht dieser Unterschied nur, weil Kinder in Berlin und Brandenburg nun einmal speziell sind und zwei Jahre länger brauchen, bis sie wissen, auf welche weiterführende Schule sie denn gehören.
Niedersachsen hält am dreigliedrigen Schulsystem fest. Thüringen dagegen hat keine Kinder, die auf eine Hauptschule wollen und deswegen auch gleich gar keine Hauptschulen. Praktisch. In Hessen zu guter letzt kann ein Grundschulkindkind mit der Note „4“ in einem Hauptfach noch auf das Gymnasium gehen, in Baden-Württemberg hat man andere Zukunftspläne für solche Schüler und erspart ihnen unter Garantie dieses versnobte Gymnasium mit seinen ganzen Akademikerkindern.
Soviel zum strukturellen Aufbau der Jadebusen. Kommen wir zu Finanzen und Verwaltung der Ressortanlagen. Jeweils 67% des Bildungsbudgets wird von den Ländern getragen. Das ist toll für Schüler aus finanzstarken Ländern wie Hessen und Baden-Württemberg. Mit den Versprechen von besserer Besoldung und besseren Aufstiegschancen haben beide Länder bereits Lehrkräfte aus anderen Bundesländern abgeworben. Das ist notwendig, denn nur so bleiben die teuren Klassenräume im Osten der Republik weiterhin schön ruhig – das verspricht eine angenehm entspannte Lernatmosphäre für Jung und ... Jünger. Und sowieso: In Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist es drei Mal so wahrscheinlich eine Förderschule zu besuchen wie im Saarland, in Schleswig-Hostein und in Rheinland-Pfalz. Und da 77% der Förderschüler die Schule ohne allgemein bildenden Schulabschluss verlassen, kann man sich die Lehrer dort praktischerweise gleich ganz schenken. Das ist ein intelligentes und weiterhin lernfähiges Sparoptimierungsprogramm. Innerhalb der nächsten 40 Jahre könnten wir so die ersten lehrerfreien Bundesländer feiern. Der Finanzminister und Dieter Bohlen sagen: Danke.
Haben wir etwas übersehen? Ob das System auseinanderzubrechen droht, wenn Länder auf die Idee kommen sollten, den Bund ausdrücklich um Finanzhilfen zu bitten? Aber nein, zum Glück gibt es seit der Föderalismusreform von 2006 das Kooperationsverbot zwischen Land und Bund. Bei den Finanzen des Schulwesens muss der Bund draußen bleiben. Merkel hat damals wirklich schon an alles gedacht. Denn Bildungspolitik muss natürlich Chefsache... also Chefsache der jeweils zuständigen Verantwortlichen in den jeweils zuständigen Kultusministerien der jeweils zuständigen Länder sein. Schließlich sind wir eine Bildungsrepublik. Mehr Bildung geht nicht.
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