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Dienstag, 8. Juni 2010

Einfach so

Eines sei vor der Lektüre des anschließenden Textes gesagt: Es gibt mal solche und mal solche Phasen. In neun Monaten Philippinen habe ich viele erfreuliche Dinge erlebt, aber eben auch viel, was mir nicht gefiel. Bei all dem schönen Wetter, bei all den tollen Bekanntschaften und bei all den unbeschreiblichen Reisen und Erfahrungen soll nicht untergehen: Es gab Tiefs, es gab Abschnitte der Depression. Ausgelöst vor allem durch das, was ich im Folgenden zu beschreiben versuche.


Einfach so

Ich habe keine Lust mehr. Ich habe absolut keine Lust mehr. Ich habe einfach absolut keine Lust mehr, Ausländer zu sein.

Ich habe keine Lust mehr, ständig angestarrt zu werden. Ich habe keine Lust mehr, von fremden Kindern und Jugendlichen, von Erwachsenen auf Motorrädern und an Straßenrändern jeden Tag X-Mal mit „Hey Joe“ gerufen zu werden. Auch euer Zischen ertrage ich nicht mehr. Ich habe keine Lust mehr, an jeder Straßenecke gefragt zu werden, wohin ich denn ginge. Ich habe keine Lust mehr, bei versagter Antwort als unfreundlich bis arrogant zu gelten. Ich habe keine Lust mehr, auf Gesellschaft und Aktivitäten zu verzichten, mich im Haus einzuschließen, weil ich keine Lust mehr habe.

Ich habe keine Lust mehr, von gewissen Gruppen als Geldfass ohne Boden betrachtet zu werden. Ich habe keine Lust mehr, dass philippinische Freunde sich darüber beschweren müssen, dass die Fahrpreise plötzlich doppelt so hoch seien, wenn sie mit mir reisten. Ich habe keine Lust mehr, immer erst verhandeln zu müssen. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Gefühl, als ahnungsloses Dummchen betrachtet zu werden.

Ich habe keine Lust mehr, auch von Weißen angegafft zu werden. Wie soll ich diese Blicke deuten? Wie soll ich es deuten, wenn Ihr versucht, mir aus dem Wege zu gehen. Oder: Wie soll ich es deuten, wenn ihr mir mit diesem aufgesetzt unsympathischen Lächeln einen „Hallo du anderer Liebestourist – tolles Land mit tollen Frauen, was?“-Gruß zunickt. Oder: Wie soll ich es deuten, wenn ihr mich von oben bis unten mit diesem unerträglichen „Oh mein Gott, so jung und schon Liebestourist“-Blick abwertet. Wie kann ich überhaupt noch darüber nachdenken wollen, wenn Ihr mich in Begleitung ganz normaler Freundinnen fragt, wo ich die Mädels denn gebucht hätte.

Ich bin nicht der posende die Finger verrenkende und stampfende Hip-Hopper, für den die Kinder mich halten. Ich bin nicht der „fishing girls“-Idiot, für den die philippinischen Männer mich halten. Ich bin nicht der „americano, americano“, für den Ihr alle mich haltet. Und Leute, wenn Ihr euren Freunden zu laut und offensichtlich „americano, americano“ zuruft, dann merke sogar ich, dass ihr hinter meinem Rücken über mich redet. Hört auf damit, euch in meinem Umgebungskreis plötzlich fetzenweise und natürlich nur megacool auf englisch zu unterhalten. Hört auf, mich erst anzustarren und mir dann, sobald ich an euch vorbei gegangen bin, irgendetwas hinterherzuschreien. Sogar Ihr Mädchen, hört auf, so komisch verstellt „hiiIIiiiiIIIIiii“ zu flöten um danach lauthals loszukichern. Ich kann das alles nicht mehr hören. Jedes Wort, jedes Lachen löst eine mittelschwere Paranoia aus.

Ich sehne mich danach, frei zu sein. Einfach so über eine Straße gehen. Einfach so herumsitzen. Einfach so im Park liegen und das Leben beobachten. Einfach so. Einfach so. Ich habe gelernt, dass „einfach so“ nicht einfach so selbstverständlich ist. Danke. Ihr könnt jetzt damit aufhören.

Dienstag, 16. Februar 2010

Apokalyptisches Nachtfragment

Ich blicke in die schwarze Nacht. Und wie ich so blicke erkenne ich, dass die Nacht so schwarz gar nicht ist. Sondern dass ein Meer von tausenden Sternen eine gefüllte Arena über mir bildet. Und im Auge dieses stillen Taifuns schwebt schwerelos der volle leuchtende Mond. Viel graziler als die Sonne verbreitet er sein Licht und nur langsam schiebt sich eine schwere Wolke vor diesen kleinen Freund der Erde.

Nein, ich will das nicht. Ich möchte nichts wissen zwischen mir und dem Mond, den ich über all die Jahre schweigend verehrt habe, dem ich so viele Verse gewidmet und dem ich all meine nächtlichen Freuden verdanke. Rein soll er bleiben, sein Licht ungetrübt, sonst schaffe ich es nicht, gedanklich mit ihm zu verschmelzen. Aber wo die Wolke von hinten unaufhaltsman weiter schiebt, wo alle Hoffnung vergebens scheint, da weine ich eine Träne. Stumm rollt sie über die Wange, bahnt sich kaum spürbar seinen Weg über Haut und Härchen, die sie dürftig befeuchtet. Sie nimmt die Wärme meines Gesichts auf, mir wird kalt und ich zittere, aber schließlich, ganz am Ende auf Höhe des Kiefers angekommen, da hält die Träne kurz inne und wirft sich in die Tiefe. Lautlos fällt sie in den feinen weißen Sand zu meinen Füßen.

Der Mond ist schon fast hinter der Wolke verschwunden. Da bemerke ich, wie mich auch von unten etwas anstrahlt, was ich zunächst für eine Illusion halte. Doch tatsächlich, die Träne ist noch ganz und reflektiert müde die letzten Strahlen des Mondes. Ich möchte die Zeichen verstehen. Vorsichtig nehme ich den Sand in beide Hände und richte mich auf. Der Mond reagiert, er flackert kurz. Da reiße ich die Hände so hoch wie ich kann, ich springe und im letzten Moment, Sekunden bevor der Mond von der Wolke komplett verdeckt zu werden droht, wird die Träne von einem letzten Strahlenbündel getroffen, das, vom Salzwasser gebrochen, alle anderen Sterne im Kreis beleuchtet und sie in glühende Feuerbälle verwandelt.

Die Arena wird zu einem kreischenden Pulk, für einen kurzen Augenblick verwandelt sich Nacht in Tag, dann bündeln die gleißenden Sterne am Himmel ihre Energie einzig auf die kleine feuchte Träne in meinen Händen. Die geblendeten Augen muss ich schließen, ich fühle nur noch das Zittern der Luft über mir, das Beben der Erde unter mir, das wilde Kreisen der Atome in mir. Und plötzlich hebe ich ab, spüre die Schwerelosigkeit, spüre, wie ich die Kontrolle über das Sein völlig verliere.

Erst als ich mich sanft gebettet weiß, öffne ich die Augen wieder. Ich liege auf Federn, auf weißer Watte, auf der Wolke. Der Wolke, die mich so ängstlich und melancholisch stimmte, der Wolke, die mir nun den direkten Blick auf den Mond ermöglicht. Sie bewegt sich nicht weg, sie nähert sich dem hellen Schein, sodass es so wirkt, als könnte ich, wenn ich mich ganz doll strecke, ja, noch ein bisschen, als könnte ich dann tatächlich den Mond berühren.

Kein fahler kahler Felsen, kein kaltes altes Metall, kein Käsekuchen. Der Mond fühlt sich an wie silberner Wackelpudding. Er wabert warm, als ich ihn anfasse und schluckt meine Hand. Er lacht mir ins Herz, erfüllt mich mit Frohmut und ich fühle mich bereit. Während die Wolke langsam weiter wandert, während ich die Träne weiter mit mir trage, während Mond und Träne gleichermaßen weiterleuchten, währendessen gebe ich mich völlig hin, beende ich mein Sein und tausche es Stück für Stück gegen die Glückseligkeit ein. Erst die Arme, der Kopf, der Hals, die Brust, Bauch, Becken, Beine, so nimmt der Mond mich auf bis zuletzt der große Zeh das irdische Nichts verlässt.

P.S.: Da fand ich mich in der Hängematte wieder und kiffte weiter.

Sonntag, 15. November 2009

Ich möchte Dir danken

Hey Schatz. Ich weiß, ich bin kein Meister der großen Worte, aber wie könnte ich es dir sonst noch sagen. Ich möchte Dir einfach danken, danken dafür, dass du immer für mich da warst.

Erinnerst du dich an den Tag, als wir uns kennen lernten. Als du mich auf der Brücke trafst. Nie zuvor war ich so entschlossen. Frauen hatten meine Leben ruiniert. Aber du wirktest sofort anders. Du hast mir nie erklärt, warum du an diesem späten Abend getan hast, was du getan hat. Nicht einmal, warum überhaupt du zu dieser gottverlassenen Zeit an diesem gottverlassenen Ort warst. Wahrscheinlich hast du es selbst nie so richtig gewusst. Aber seitdem glaube ich, dass es so etwas wie Schicksal gibt. Und dass es dieses Schicksal gut mit uns meint. Danke für diese Zuversicht.

An diesem Abend konnte mir nicht vorstellen, dass diese, dass meine Existenz noch etwas brächte. Aber du schriest mich an, das sei doch keine Lösung, redetest ein auf mich die ganze Nacht, es gäbe so viel Schönes, du saßt, ich stand, war bereit, bis ich dir glaubte, bis wir weinten und du mich im Morgengrauen in deinen Armen hielst. Ich möchte Dir dafür danken.

Ich möchte Dir auch danken für dieses Prickeln im Kopf, im Bauch, in den Armen, in den Beinen, einfach überall. Als ich in dieser Höhle, in die du uns führtest, von der man den Sonnenuntergang bestaunen konnte, das erste Mal deine Hand hielt, sie streichelte. Als es im Wald auf dieser kleinen Lichtung so sehr knisterte, während wir uns durchs Haar strichen, Bauch an Bauch aufeinander lagen und sich unsere Augen ineinander verloren. Als sich nach einer stundenlangen Wanderung dieser Bergsee vor uns auftat und sich in dem warmen klaren Wasser unsere Lippen zum ersten Mal fanden. Als wir uns dort zum ersten Mal liebten. Obwohl: Das war kein Prickeln mehr, das war eine Explosion.

Das Herz detonierte in tausend Splitter und fand sich plötzlich in allen Blutbahnen wieder. Überall steckte Liebe und Lust. Unfähig, Raum und Zeit zu erkennen, was anderes außer Dich zu sehen, war ich da, aber mehr auch nicht. Physisch auf der Erde, psychisch ganz weit weg. Die Seele flog durch’s All, in den Himmel, durch den Erdkern und durch das weite weite Nichts. Das war völlig schwerelose Existenz.
Ich möchte Dir danken für diese Gefühle, für das Wissen, dass es so etwas gibt. Dass das Leben lebenswert sein kann. Dessen werd‘ ich nie mehr müde.

Ich möchte Dir auch danken, dass du so ehrlich warst. Erinnerst du dich daran, wie du zu mir kamst und mir von deiner Affäre erzähltest. Du sagtest, du bereust es und bist ab jetzt nur noch für mich da. Ich glaubte dir. Erinnerst du dich dann daran, wie du zu mir kamst und mir erzähltest, dass du ihn nicht mehr vergessen kannst, aber dein Bestes gibst, dass wir zusammen das schon schaffen würden. Ich glaubte dir. Erinnerst du dich denn zuletzt daran, wie du zu mir kamst und sagtest, dass du ihn liebst, dass ein „Wir“ keine Zukunft hat. Ich glaubte Dir nicht mehr. Ich blieb stumm. Du gingst.

Trotzdem werde ich nie vergessen, was du mir brachtest, dass du ein Geschenk warst. Um mir zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt. Und deshalb möchte ich Dir danken, dass du die Einladung für heute Abend angenommen. Danke, dass wir noch mal zusammen waren. Und danke, dass du das Essen, was ich vorher vergiftet, dass du das so brav gegessen hast.

Montag, 9. November 2009

Ode an Dich

Du erinnerst mich an jemanden. Du erinnerst mich an jemanden, den ich gerne kennen lernen würde. Du erinnerst mich an jemanden, mit dem ich mich verbunden fühle. DU. Erinnerst mich an ein schönes Wesen, voller Stolz und Würde. Frei von Vorurteil und Hass, nur selbstlose Liebe im Sinn. Gütiger, Erlöser, Barmherziger. Du erinnerst mich. An mich.

Vielleicht bist Du nicht perfekt. Was aber, wenn doch? Eigentlich darf man das so nicht sagen. Man muss bescheiden bleiben. Man hält sich nicht für Gott. DU. Bist aber nicht man. DU. Bist Ich. Oder bin Ich Du? Kann das überhaupt sein, dass zwei Figuren, dass Du und Ich eins ergeben? Selbsternannte Experten wollen uns da linken. Aber ich bleibe aufgeweckt und weise: Ich vertraue der Mathematik einfach grundsätzlich nicht. Eins und Eins muss doch eins ergeben. Wo kommt denn da die Zwei auf einmal her? Zwei kommt nicht umsonst von ZWEI-fel.

Eins und Eins macht also eins. Wir sind eins. Einsame Spitze. Aber niemals einsam. Denn WIR kann ja niemals allein sein. So lachen, tanzen, singen wir gemeinsam. Schreiten durch die Welt, über Felder, Wald und Wiesen. Wir wandern mit den Bären, fliegen mit den Adlern, schwimmen mit den Walen. Wir baden in der Sonne und tollen wild im Schnee, leben immer so, wie wir es gerade wollen. Wir Beide. Hand in Hand.

Ich fühle Dein Haar, ich spüre Deine Haut, ich atme Deinen Atem. Berühre die Lippen, kann den Drang nicht unterdrücken, muss dich küssen. Der Körper zittert vor Erregung. Dich zu sehen törnt mich an. Immer und jedes Mal. Seit Jahren. Gefühlt schon seit ich denken kann. Ich glaube, Du lässt mich nie im Stich.

Wann kann ich endlich mit dir verschmelzen. Manche Leute halten mich für krank. Aber es ist doch offensichtlich, wie sehr wir uns ergänzen. Wenn wir uns die Augen schauen, blinzeln wir immer im gleichen Moment, heb‘ ich die linke, hebst du die rechte Augenbraue, juckts mich am rechten, juckts dich am linken Beckenknochen. Es ist, als gehörten wir zusammen wie Mann und Frau, wie Biene und Blume, wie Ehe und Scheidung. Trennen wird uns niemand mehr.

Sollen sie es doch versuchen. Aber wir sind untrennbar, einfach füreinander geschaffen. Sagst Du A, sag ich’s auch, bin ich glücklich, strahlst du mindestens genau so schön. Und denkst Du an mich, tu ich das auch. Du bist mein Held, Du bist der Held, den jeder gerne hat, unzerstörbar und auf Abruf bereit. Ob Tag, ob Nacht, Du bist immer eine Augenweide. Bist stets an meiner Seite. Ob Trost, ob Zuspruch oder Beifall. Ob Liebe, Inspiration oder erotisches Gepose. Du gibst mir alles, was ich will. Ich liebe Dich, DU, Spiegelbild.

Montag, 21. September 2009

Kritik der reinen Vernunft

Hier mal ein Text von mir, den ich gerade auf der Festplatte entdeckt habe. Der müsste aus dem Sommer 2008 stammen, wusste gar nicht mehr, dass es den noch gibt. Also hier mal als kleines Geschenk. Der Titel steht oben und jetzt gehts los:

Okay, ich bin nicht Kant, ich bin nicht mal Philosoph, obwohl: ist nicht jeder sich Gedanken um die Welt Machende ein eben solcher? Juhu, jetzt bin ich einer.

Mit meinem Titel wollte ich lediglich kritisches Interesse wecken an einem Thema, dem viel zu oft bloß kalte Ignoranz entgegengeschlagen wird. Und wenn doch mal jemand heuchlerische Neugier äußert, dann nur, um es schief anzugucken und die Augenrollkraft auszureizen. Die Mehrheit hat es vielleicht schon erkannt, es geht um diese klitzeklitzekleinen süßen Dinger, die manchmal auch mal größer werden: Hämorrhoiden. Hämorrhoiden, viel zu oft nur entschieden gemieden kann ich verstehen, dass wenn sie mal da sind, ihnen nur Folter am Menschen in den Sinn kommt.

Kaum ist das Wort „Hämorrhoiden“ ausgesprochen, müssen Menschen weinen. Oder lachen. Mein Gott, die Hämorrhoiden können doch auch nichts für ihren Namen. Der kommt aus dem Griechischen „haíma“ gleich „Blut“ und „rhéin“ gleich „fließen“. Einige denken jetzt vielleicht sorgenvoll an ihren weißen Kashmir-Teppich, aber Blut und fließen, worin steckt denn mehr Poetik? In meinen Ohren ist das Exotik, pure Erotik. Wenn das Blut durch meine Adern fließt, mein Körper sich aufprustet vor Wollust und ich nur noch leben möchte. Leben voller Leidenschaft und Lust.

Laut Lexikon sind Hämorrhoiden „arteriovenöse Gefäßpolster, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut angelegt sind und dem Feinverschluss des Afters dienen.“ Das wirkt doch richtig sympathisch! „Dienen“, wer hätte nicht gerne einen Diener. „Feinverschluss“ klingt richtig fein und reimt sich außerdem auf Kuss. „Enddarmschleimhaut“… okay, dazu fällt mir gerade auch nichts ein, aber „ringförmig“ – ich sehe Olympia, das größte Logo aller Zeiten und Höhepunkte und Exzesse. Und „Gefäßpolster“ – Polster, diese sanften weichen warmen Wesen, wahrhaft erlesen. Airbags sind Polster und retten unser Leben! Zugegeben, die zuweilen Beschwerden verursachende vergrößerte Hämorrhoide, die wir in der Regel meinen, tut das nicht. Aber wer wird denn gleich penibel werden.

Ich persönlich sehe Hämorrhoiden in einem ganz anderen Licht, in einem ganz anderen Schein. Hämorrhoiden, und das sage ich bewusst nur dieses eine Mal, bereichern unser Leben. Feuchtgebiete, ein Roman unserer Zeit, wäre nie ohne sie geschrieben worden. So detaillierte und zärtliche Aufmerksamkeit wird ihnen sonst selten geschenkt. Aber eigentlich haben wir eh nichts anderes verdient. Die Deutschen, diese heulenden Jammerlappen, diese „Oh-wir-haben-von-allem-viel-zu-wenig-nur-mein-Mann-der-ist-zu-dick, das-Auto-ist-zu-langsam-und-oh-meine-Haare-sitzen-ja-heute-überhaupt-nicht-ÜBERHAUPT-NICHT!“ Da kommen uns Hämorrhoiden gerade recht.

Hämorrhoiden verschaffen uns mehr Durchblick. Okay, lieber nicht wörtlich nehmen. Ich meine Durchblick über unser verdientes Leiden. Ich plädiere für einen offenen Umgang mit unserem Körper. Kult, das sollte er doch sein, mit allen, ich wiederhole: ALLEN seinen Innereien. Und die, die es am meisten davor grault, die essen Schweineinnereien. Ja ne, is klar.

Erwachet! Nein, ich bin kein Zeuge, ich habe Beweise, dass Offenheit uns allen weiterhilft. Bitte auch nicht unbedingt wörtlich nehmen. Aber wir sollten Schluss machen mit dem Tabu. Wussten Sie schon, dass über 50 rund jeder Zweite unter Hämorrhoiden leidet? Und ab jetzt gehen Sie hoffentlich mit anderen Augen durch die Fußgängerzone.

Montag, 31. August 2009

Black & White

Es war irgendwie heiß. Die Sonne ließ den Sand wie flüssigen Teer erscheinen, die Felder glühten rötlich. Staubtrockene Luft schnitt die Kehlen von den drei jungen Mali-Brüdern auf, die keine besonders kreativen Eltern gehabt hatten. Dennoch fuhren Nummer 1, Nummer 2 und Nummer 3 auf ihren Drahteseln Richtung Stadt und freuten sich, so zumindest eine kleine Brise über Haut und Haar zelebrieren zu können.


Eigentlich galt die Stadt als heißes Eisen – und das war gerade bei diesen Temperaturen nicht das, was die drei Jungen suchten -, aber der Drang nach Arbeit trieb sie in das verweste Loch. Und vielleicht traf man ja doch einmal auf einen dieser sagenumwobenen weißen Götter, von denen ihnen schon so viel erzählt wurde, denen aber noch keiner der drei je begegnet war. Angeblich trieb eine Offenbarung mit dem Namen „weltwärts“ die Wesen in die Gegend, die so ganz anders sein sollten als sie selber mit ihrem schwarzen Aussehen. Eine fremde Sprache, eine sanftmütige, zarte Ader und sogar eine viel lieblichere Haut schrieb man ihnen zu, die man möglicherweise wie zufällig zu berühren imstande sein mochte, wenn man es geschickt anstellte.


Sie waren ganz in ihre schwelgerischen Träumereien versunken, als Nummer 2 schließlich keuchte: „Ich kann nicht mehr, Pause bitte.“ Also stiegen die drei Jungen ab und blickten in die weiten nach Wasser dürstelnden Felder. Da sahen sie auf einmal einige Zweige umschlagen und vernahmen ein zögerliches Rascheln. Angst überkam sie, wurde ihnen doch schon so viel über Exhibitionisten und wie irr stampfende Nashörner erzählt. Doch anstatt, dass sich eines dieser beiden Zwei-Nasen-Wesen zeigte, standen vor den jungen Maliern wie aus dem Nichts zwei Weiße. Große Überraschung bei den dreien, die wie angewurzelt stehen blieben. Erfüllte sich gerade die Prophezeiung?


Die Weißen blieben stumm. Stattdessen starrten sie sie nur mit einem engelsgleichen, träumerischen Blick an, der die Jungen mit wohliger Kühle und Hoffnung durchströmte. Die Weißen kamen näher und einer von ihnen striff flüchtig das Bein von Nummer 2. Dieser keuchte erneut auf. Diesmal nicht mehr vor Erschöpfung, sondern vor Verzückung. Er drohte von diesem puren Glücksgefühl erstickt zu werden. Diese weiche Haut, die er fast Fell nennen mochte. Nummer 1 und Nummer 3 waren noch ein wenig skeptisch, aber als die beiden Weißen, die viel kleiner waren, als sie es sich vorgestellt hatten auf einmal im Chor „Mähähä“ blökten, da wussten sie: Dieses war der vom Heiland versprochene Tag. Zwar gab es noch leichte Kommunikationsschwierigkeiten, aber die drei Jungen verstanden schnell, dass die gelegentlich etwas begriffsstutzig wirkenden Weißen ihnen gütig gestimmt waren. Sie ließen sich streicheln, auf den Arm nehmen und folgten den Jungs auch bereitwillig auf Schritt und Tritt.


In die Stadt wollten die Malier aber nicht mehr, lieber den Stammesfürsten die Sensation berichten und die beiden Wagemutigen vorstellen, die sich „Mäh“ und „Mähä“ nannten – was den dreien sehr sympathisch war, da sie die Namen offensichtlich nach einem ähnlichen Prinzip wie Nummer 1, 2 und 3 bekommen hatten. So waren alle Beteiligten in guter Stimmung, als sie sich wieder auf den Weg in Richtung Dorf machten. Trotz aller Freundlichkeiten verschwiegen die Jungen den beiden Weißen jedoch zunächst einmal, dass ihr Stamm aus lauter Kannibalen bestand.