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Mittwoch, 10. Juni 2009

Schwierige Zeiten

Während der Schulzeit, aber vor allem vor den entscheidenden Abiturprüfungen war alles gar kein Problem. Wollte ich mich vor dem Lernen drücken, fand ich genügend Alternativen: Nachrichten, Fußball, Hausputz oder den poetry-rock-Blog. Nun aber, wo es nichts mehr gibt, das ich aufschieben könnte, erkenne ich die eigentlichen Vorzüge der Prokrastination: Immerhin kommt man zu irgend etwas.

Jetzt jedoch verfette ich im Sud des Trash-TV, der Blog liegt auf dem Trockenen und die Wohnung wollte der Sperrmüll gestern auf den Wagen schmeißen. Ich brauche dringend wieder eine Aufgabe. Vielleicht sollte ich mich doch noch zur mündlichen Nachprüfung melden. Und wenn ich es dort geschickt anstelle, darf ich nächstes Jahr wieder zur Schule gehen.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Nachtrag zum letzten Post vom 04.12.

Zumindest wikipedia.de hat die Zeichen der Zeit erkannt. Zum Begriff Prokrastination liest man dort: "Aufschieben ist jedoch auch eine wichtige Kulturleistung, eine traditionsreiche Strategie." Diese direkt im ersten Absatz niedergeschriebene These wird zwar nicht begründet. Es sollte wohl wirklich allen klar sein, dass die Aufschiebenden eh die coolsten sind. Aber wo in der Prokrastination, die so viele gerne als offizielle Krankheit anerkannt sähen, wo genau nun in eben dieser Krankheit die Tradition und vor allem die Bedeutung für die Kultur liegt, hätte ich schon gerne gewusst. Möglicherweise stammt dieser Satz aus der Hand eines an Prokrastination Leidenden, der uns den Beleg für diese wagemutige Aussage noch nachlegen möchte...

Die Wikipedia-Artikel sieht die Ursachen für das Prokrastinieren im Übrigen unter anderen in Impulsivität und Perfektionismus. Und schon darf sich die Schüler- und Studentenwelt besser fühlen. Schließlich fordern Männer wie Frauen vom anderen Geschlecht oft mehr Leidenschaft und jeder halbwegs erfolgreiche Promi bezeichnet sich nur zu gerne als Perfektionist. Außerdem finden immer mehr Menschen heraus: Aufschieber sind durchaus produktiv. Dieser Blog beispielsweise entstand während der größten Klausurenphase des Jahres. Ich hätte auch fantasielos lernen können.

Spätestens wenn nun sogar schon die Bild den Prokrastinierenden Tipps gibt, kann man sich der vollen Unterstützung des deutschen Volkes sicher sein. Mit dieser Euphorie im Rücken mache ich fast gerne meine Hausaufgaben. Aber erst einmal gehe ich einen trinken. Und bevor der geneigte fleißige Leser nun mit dem Kopf schüttelt, sei gesagt: Kritik am aufschiebenden Verhalten ist zwecklos. Joe Ferrari, Psychologie an der DePaul University in Chicago, hat das mit einer anschaulichen Analogie verdeutlicht: "Einem chronischen Aufschieber zu sagen: 'Tu’s einfach!', ist so, wie einem Depressiven zu sagen, er solle doch einfach mal fröhlich sein." In dem Sinne prokrastiniere ich lieber weiter. Hauptsache glücklich.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Morgen, morgen, nur nicht heute...

Prokrastination – das Phänomen, unter dem abertausende Schüler und Studenten mehr leiden als leben. Die „Aufschieberitis“, das Last-Minute-Syndrom oder auch das Mañana-Prinzip. Zahlreiche Begriffe bezeichnen das (zwanghafte?) Verhalten, alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Und tatsächlich nimmt die Epidemie erschreckende Ausmaße an. Wie oft verbringe ich meine Wochen vor Fernseher und Computer um irgendwann schockiert aufzuschrecken und die seit vier Monaten bekannte Facharbeit dann doch erst in den letzten Tagen und Stunden zu erarbeiten. Wie oft stehe ich schon mit einem Bein im Klassenraum, bis ich merke, dass ich noch eine Hausaufgabe zu erledigen habe. Und wie oft fällt meiner Mannschaft erst nach der 90. Minute ein, dass sie auch ein Tor schießen wollte.

Prokrastination und die ihr Verfallenen sind gesellschaftlich verpönt. Immer wieder wird uns gesagt: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Wer dem mit einem „Lieber spät als nie“ entgegnet, der verteidigt seine scheußlichen Witze auch mit doppelter und dreifacher Wiederholung; verbunden mit der Aussage, man hätte die Pointe wohl nur nicht verstanden.

Die einzige Hoffnung der Schüler und Studenten liegt in der Wissenschaft. In der, die Prokrastination als Krankheit deklarieren möchte. Doch genauso wie die Verbindung des ständigen Zuspätkommens mit einer Zwangsneurose wird wohl auch die Aufschieberitis nicht so bald die Akzeptanz der Lehrerwelt finden. Dabei hätte sie sie so unbedingt verdient.

Was sind das schon für Langeweiler, die ihre Facharbeit nach dem ersten Monat nur noch zur Dekoration auf dem Fensterbrett liegen haben. Nur wir, die Prokrastinationserfahrenen spüren die Oh-nein-das-schaffe-ich-ja-nie-mehr-Kicks. Das durch den Körper schießende Adrenalin, das in Verbindung mit reichlich Koffein die Nacht zum Tage der Werke macht. Nur wir wissen genau und exakt, wann wir anfangen müssen, um ermattet und übermüdet, aber glücklich unsere Arbeit um Punkt 12 Uhr Mittag abgeben zu können.

Niemand erforscht intensiver die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit. DAS ist wahrer Körperkult. Ein Sport nur für uns Aufschiebende allein. Die Betroffenen bewundern sich und am meisten den, der vielleicht sogar noch einen Tag oder eine Stunde später mit der Arbeit angefangen hat. Nur in dieser Disziplin erkennen wir unsere wahren Fertigkeiten, das tatsächliche Talent und die reelle Effizienz. Immer wieder von neuem versprechen wir uns Ruhm und Ehre auch von Seiten der Außenstehenden. Doch anders als in den breiten Massensportarten wirkt unsere Illusion absolut utopisch. Uns bleibt nur die Hoffnung: Als Martin Luther King von seinem Traum der Gleichberechtigung sprach, hat er möglicherweise auch an uns gedacht.