Prokrastination – das Phänomen, unter dem abertausende Schüler und Studenten mehr leiden als leben. Die „Aufschieberitis“, das Last-Minute-Syndrom oder auch das Mañana-Prinzip. Zahlreiche Begriffe bezeichnen das (zwanghafte?) Verhalten, alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Und tatsächlich nimmt die Epidemie erschreckende Ausmaße an. Wie oft verbringe ich meine Wochen vor Fernseher und Computer um irgendwann schockiert aufzuschrecken und die seit vier Monaten bekannte Facharbeit dann doch erst in den letzten Tagen und Stunden zu erarbeiten. Wie oft stehe ich schon mit einem Bein im Klassenraum, bis ich merke, dass ich noch eine Hausaufgabe zu erledigen habe. Und wie oft fällt meiner Mannschaft erst nach der 90. Minute ein, dass sie auch ein Tor schießen wollte.
Prokrastination und die ihr Verfallenen sind gesellschaftlich verpönt. Immer wieder wird uns gesagt: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Wer dem mit einem „Lieber spät als nie“ entgegnet, der verteidigt seine scheußlichen Witze auch mit doppelter und dreifacher Wiederholung; verbunden mit der Aussage, man hätte die Pointe wohl nur nicht verstanden.
Die einzige Hoffnung der Schüler und Studenten liegt in der Wissenschaft. In der, die Prokrastination als Krankheit deklarieren möchte. Doch genauso wie die Verbindung des ständigen Zuspätkommens mit einer Zwangsneurose wird wohl auch die Aufschieberitis nicht so bald die Akzeptanz der Lehrerwelt finden. Dabei hätte sie sie so unbedingt verdient.
Was sind das schon für Langeweiler, die ihre Facharbeit nach dem ersten Monat nur noch zur Dekoration auf dem Fensterbrett liegen haben. Nur wir, die Prokrastinationserfahrenen spüren die Oh-nein-das-schaffe-ich-ja-nie-mehr-Kicks. Das durch den Körper schießende Adrenalin, das in Verbindung mit reichlich Koffein die Nacht zum Tage der Werke macht. Nur wir wissen genau und exakt, wann wir anfangen müssen, um ermattet und übermüdet, aber glücklich unsere Arbeit um Punkt 12 Uhr Mittag abgeben zu können.
Niemand erforscht intensiver die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit. DAS ist wahrer Körperkult. Ein Sport nur für uns Aufschiebende allein. Die Betroffenen bewundern sich und am meisten den, der vielleicht sogar noch einen Tag oder eine Stunde später mit der Arbeit angefangen hat. Nur in dieser Disziplin erkennen wir unsere wahren Fertigkeiten, das tatsächliche Talent und die reelle Effizienz. Immer wieder von neuem versprechen wir uns Ruhm und Ehre auch von Seiten der Außenstehenden. Doch anders als in den breiten Massensportarten wirkt unsere Illusion absolut utopisch. Uns bleibt nur die Hoffnung: Als Martin Luther King von seinem Traum der Gleichberechtigung sprach, hat er möglicherweise auch an uns gedacht.
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