Dienstag, 16. Februar 2010

Apokalyptisches Nachtfragment

Ich blicke in die schwarze Nacht. Und wie ich so blicke erkenne ich, dass die Nacht so schwarz gar nicht ist. Sondern dass ein Meer von tausenden Sternen eine gefüllte Arena über mir bildet. Und im Auge dieses stillen Taifuns schwebt schwerelos der volle leuchtende Mond. Viel graziler als die Sonne verbreitet er sein Licht und nur langsam schiebt sich eine schwere Wolke vor diesen kleinen Freund der Erde.

Nein, ich will das nicht. Ich möchte nichts wissen zwischen mir und dem Mond, den ich über all die Jahre schweigend verehrt habe, dem ich so viele Verse gewidmet und dem ich all meine nächtlichen Freuden verdanke. Rein soll er bleiben, sein Licht ungetrübt, sonst schaffe ich es nicht, gedanklich mit ihm zu verschmelzen. Aber wo die Wolke von hinten unaufhaltsman weiter schiebt, wo alle Hoffnung vergebens scheint, da weine ich eine Träne. Stumm rollt sie über die Wange, bahnt sich kaum spürbar seinen Weg über Haut und Härchen, die sie dürftig befeuchtet. Sie nimmt die Wärme meines Gesichts auf, mir wird kalt und ich zittere, aber schließlich, ganz am Ende auf Höhe des Kiefers angekommen, da hält die Träne kurz inne und wirft sich in die Tiefe. Lautlos fällt sie in den feinen weißen Sand zu meinen Füßen.

Der Mond ist schon fast hinter der Wolke verschwunden. Da bemerke ich, wie mich auch von unten etwas anstrahlt, was ich zunächst für eine Illusion halte. Doch tatsächlich, die Träne ist noch ganz und reflektiert müde die letzten Strahlen des Mondes. Ich möchte die Zeichen verstehen. Vorsichtig nehme ich den Sand in beide Hände und richte mich auf. Der Mond reagiert, er flackert kurz. Da reiße ich die Hände so hoch wie ich kann, ich springe und im letzten Moment, Sekunden bevor der Mond von der Wolke komplett verdeckt zu werden droht, wird die Träne von einem letzten Strahlenbündel getroffen, das, vom Salzwasser gebrochen, alle anderen Sterne im Kreis beleuchtet und sie in glühende Feuerbälle verwandelt.

Die Arena wird zu einem kreischenden Pulk, für einen kurzen Augenblick verwandelt sich Nacht in Tag, dann bündeln die gleißenden Sterne am Himmel ihre Energie einzig auf die kleine feuchte Träne in meinen Händen. Die geblendeten Augen muss ich schließen, ich fühle nur noch das Zittern der Luft über mir, das Beben der Erde unter mir, das wilde Kreisen der Atome in mir. Und plötzlich hebe ich ab, spüre die Schwerelosigkeit, spüre, wie ich die Kontrolle über das Sein völlig verliere.

Erst als ich mich sanft gebettet weiß, öffne ich die Augen wieder. Ich liege auf Federn, auf weißer Watte, auf der Wolke. Der Wolke, die mich so ängstlich und melancholisch stimmte, der Wolke, die mir nun den direkten Blick auf den Mond ermöglicht. Sie bewegt sich nicht weg, sie nähert sich dem hellen Schein, sodass es so wirkt, als könnte ich, wenn ich mich ganz doll strecke, ja, noch ein bisschen, als könnte ich dann tatächlich den Mond berühren.

Kein fahler kahler Felsen, kein kaltes altes Metall, kein Käsekuchen. Der Mond fühlt sich an wie silberner Wackelpudding. Er wabert warm, als ich ihn anfasse und schluckt meine Hand. Er lacht mir ins Herz, erfüllt mich mit Frohmut und ich fühle mich bereit. Während die Wolke langsam weiter wandert, während ich die Träne weiter mit mir trage, während Mond und Träne gleichermaßen weiterleuchten, währendessen gebe ich mich völlig hin, beende ich mein Sein und tausche es Stück für Stück gegen die Glückseligkeit ein. Erst die Arme, der Kopf, der Hals, die Brust, Bauch, Becken, Beine, so nimmt der Mond mich auf bis zuletzt der große Zeh das irdische Nichts verlässt.

P.S.: Da fand ich mich in der Hängematte wieder und kiffte weiter.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und wem wolltest du damit was beweisen? ;)

the poetry rocker hat gesagt…

Dem DED?!? laut Vertrag werde ich bei Drogenkonsum sofort nach Hause geschickt ...

Margarete hat gesagt…

Lieber Simon,

ob mit oder ohne, das ist eine wunderbare poetische Geschichte. Dein Sprachspiel-stil vermittelt mir eindrucksvoll das Gesehen- Erlebte. Danke
Margarete

Anonym hat gesagt…

Oh Gott, mir nich!!!