Es war irgendwie heiß. Die Sonne ließ den Sand wie flüssigen Teer erscheinen, die Felder glühten rötlich. Staubtrockene Luft schnitt die Kehlen von den drei jungen Mali-Brüdern auf, die keine besonders kreativen Eltern gehabt hatten. Dennoch fuhren Nummer 1, Nummer 2 und Nummer 3 auf ihren Drahteseln Richtung Stadt und freuten sich, so zumindest eine kleine Brise über Haut und Haar zelebrieren zu können.
Eigentlich galt die Stadt als heißes Eisen – und das war gerade bei diesen Temperaturen nicht das, was die drei Jungen suchten -, aber der Drang nach Arbeit trieb sie in das verweste Loch. Und vielleicht traf man ja doch einmal auf einen dieser sagenumwobenen weißen Götter, von denen ihnen schon so viel erzählt wurde, denen aber noch keiner der drei je begegnet war. Angeblich trieb eine Offenbarung mit dem Namen „weltwärts“ die Wesen in die Gegend, die so ganz anders sein sollten als sie selber mit ihrem schwarzen Aussehen. Eine fremde Sprache, eine sanftmütige, zarte Ader und sogar eine viel lieblichere Haut schrieb man ihnen zu, die man möglicherweise wie zufällig zu berühren imstande sein mochte, wenn man es geschickt anstellte.
Sie waren ganz in ihre schwelgerischen Träumereien versunken, als Nummer 2 schließlich keuchte: „Ich kann nicht mehr, Pause bitte.“ Also stiegen die drei Jungen ab und blickten in die weiten nach Wasser dürstelnden Felder. Da sahen sie auf einmal einige Zweige umschlagen und vernahmen ein zögerliches Rascheln. Angst überkam sie, wurde ihnen doch schon so viel über Exhibitionisten und wie irr stampfende Nashörner erzählt. Doch anstatt, dass sich eines dieser beiden Zwei-Nasen-Wesen zeigte, standen vor den jungen Maliern wie aus dem Nichts zwei Weiße. Große Überraschung bei den dreien, die wie angewurzelt stehen blieben. Erfüllte sich gerade die Prophezeiung?
Die Weißen blieben stumm. Stattdessen starrten sie sie nur mit einem engelsgleichen, träumerischen Blick an, der die Jungen mit wohliger Kühle und Hoffnung durchströmte. Die Weißen kamen näher und einer von ihnen striff flüchtig das Bein von Nummer 2. Dieser keuchte erneut auf. Diesmal nicht mehr vor Erschöpfung, sondern vor Verzückung. Er drohte von diesem puren Glücksgefühl erstickt zu werden. Diese weiche Haut, die er fast Fell nennen mochte. Nummer 1 und Nummer 3 waren noch ein wenig skeptisch, aber als die beiden Weißen, die viel kleiner waren, als sie es sich vorgestellt hatten auf einmal im Chor „Mähähä“ blökten, da wussten sie: Dieses war der vom Heiland versprochene Tag. Zwar gab es noch leichte Kommunikationsschwierigkeiten, aber die drei Jungen verstanden schnell, dass die gelegentlich etwas begriffsstutzig wirkenden Weißen ihnen gütig gestimmt waren. Sie ließen sich streicheln, auf den Arm nehmen und folgten den Jungs auch bereitwillig auf Schritt und Tritt.
In die Stadt wollten die Malier aber nicht mehr, lieber den Stammesfürsten die Sensation berichten und die beiden Wagemutigen vorstellen, die sich „Mäh“ und „Mähä“ nannten – was den dreien sehr sympathisch war, da sie die Namen offensichtlich nach einem ähnlichen Prinzip wie Nummer 1, 2 und 3 bekommen hatten. So waren alle Beteiligten in guter Stimmung, als sie sich wieder auf den Weg in Richtung Dorf machten. Trotz aller Freundlichkeiten verschwiegen die Jungen den beiden Weißen jedoch zunächst einmal, dass ihr Stamm aus lauter Kannibalen bestand.