Okay, ich bin nicht Kant, ich bin nicht mal Philosoph, obwohl: ist nicht jeder sich Gedanken um die Welt Machende ein eben solcher? Juhu, jetzt bin ich einer.
Mit meinem Titel wollte ich lediglich kritisches Interesse wecken an einem Thema, dem viel zu oft bloß kalte Ignoranz entgegengeschlagen wird. Und wenn doch mal jemand heuchlerische Neugier äußert, dann nur, um es schief anzugucken und die Augenrollkraft auszureizen. Die Mehrheit hat es vielleicht schon erkannt, es geht um diese klitzeklitzekleinen süßen Dinger, die manchmal auch mal größer werden: Hämorrhoiden. Hämorrhoiden, viel zu oft nur entschieden gemieden kann ich verstehen, dass wenn sie mal da sind, ihnen nur Folter am Menschen in den Sinn kommt.
Kaum ist das Wort „Hämorrhoiden“ ausgesprochen, müssen Menschen weinen. Oder lachen. Mein Gott, die Hämorrhoiden können doch auch nichts für ihren Namen. Der kommt aus dem Griechischen „haíma“ gleich „Blut“ und „rhéin“ gleich „fließen“. Einige denken jetzt vielleicht sorgenvoll an ihren weißen Kashmir-Teppich, aber Blut und fließen, worin steckt denn mehr Poetik? In meinen Ohren ist das Exotik, pure Erotik. Wenn das Blut durch meine Adern fließt, mein Körper sich aufprustet vor Wollust und ich nur noch leben möchte. Leben voller Leidenschaft und Lust.
Laut Lexikon sind Hämorrhoiden „arteriovenöse Gefäßpolster, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut angelegt sind und dem Feinverschluss des Afters dienen.“ Das wirkt doch richtig sympathisch! „Dienen“, wer hätte nicht gerne einen Diener. „Feinverschluss“ klingt richtig fein und reimt sich außerdem auf Kuss. „Enddarmschleimhaut“… okay, dazu fällt mir gerade auch nichts ein, aber „ringförmig“ – ich sehe Olympia, das größte Logo aller Zeiten und Höhepunkte und Exzesse. Und „Gefäßpolster“ – Polster, diese sanften weichen warmen Wesen, wahrhaft erlesen. Airbags sind Polster und retten unser Leben! Zugegeben, die zuweilen Beschwerden verursachende vergrößerte Hämorrhoide, die wir in der Regel meinen, tut das nicht. Aber wer wird denn gleich penibel werden.
Ich persönlich sehe Hämorrhoiden in einem ganz anderen Licht, in einem ganz anderen Schein. Hämorrhoiden, und das sage ich bewusst nur dieses eine Mal, bereichern unser Leben. Feuchtgebiete, ein Roman unserer Zeit, wäre nie ohne sie geschrieben worden. So detaillierte und zärtliche Aufmerksamkeit wird ihnen sonst selten geschenkt. Aber eigentlich haben wir eh nichts anderes verdient. Die Deutschen, diese heulenden Jammerlappen, diese „Oh-wir-haben-von-allem-viel-zu-wenig-nur-mein-Mann-der-ist-zu-dick, das-Auto-ist-zu-langsam-und-oh-meine-Haare-sitzen-ja-heute-überhaupt-nicht-ÜBERHAUPT-NICHT!“ Da kommen uns Hämorrhoiden gerade recht.
Hämorrhoiden verschaffen uns mehr Durchblick. Okay, lieber nicht wörtlich nehmen. Ich meine Durchblick über unser verdientes Leiden. Ich plädiere für einen offenen Umgang mit unserem Körper. Kult, das sollte er doch sein, mit allen, ich wiederhole: ALLEN seinen Innereien. Und die, die es am meisten davor grault, die essen Schweineinnereien. Ja ne, is klar.
Erwachet! Nein, ich bin kein Zeuge, ich habe Beweise, dass Offenheit uns allen weiterhilft. Bitte auch nicht unbedingt wörtlich nehmen. Aber wir sollten Schluss machen mit dem Tabu. Wussten Sie schon, dass über 50 rund jeder Zweite unter Hämorrhoiden leidet? Und ab jetzt gehen Sie hoffentlich mit anderen Augen durch die Fußgängerzone.
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