Montag, 21. September 2009

Kritik der reinen Vernunft

Hier mal ein Text von mir, den ich gerade auf der Festplatte entdeckt habe. Der müsste aus dem Sommer 2008 stammen, wusste gar nicht mehr, dass es den noch gibt. Also hier mal als kleines Geschenk. Der Titel steht oben und jetzt gehts los:

Okay, ich bin nicht Kant, ich bin nicht mal Philosoph, obwohl: ist nicht jeder sich Gedanken um die Welt Machende ein eben solcher? Juhu, jetzt bin ich einer.

Mit meinem Titel wollte ich lediglich kritisches Interesse wecken an einem Thema, dem viel zu oft bloß kalte Ignoranz entgegengeschlagen wird. Und wenn doch mal jemand heuchlerische Neugier äußert, dann nur, um es schief anzugucken und die Augenrollkraft auszureizen. Die Mehrheit hat es vielleicht schon erkannt, es geht um diese klitzeklitzekleinen süßen Dinger, die manchmal auch mal größer werden: Hämorrhoiden. Hämorrhoiden, viel zu oft nur entschieden gemieden kann ich verstehen, dass wenn sie mal da sind, ihnen nur Folter am Menschen in den Sinn kommt.

Kaum ist das Wort „Hämorrhoiden“ ausgesprochen, müssen Menschen weinen. Oder lachen. Mein Gott, die Hämorrhoiden können doch auch nichts für ihren Namen. Der kommt aus dem Griechischen „haíma“ gleich „Blut“ und „rhéin“ gleich „fließen“. Einige denken jetzt vielleicht sorgenvoll an ihren weißen Kashmir-Teppich, aber Blut und fließen, worin steckt denn mehr Poetik? In meinen Ohren ist das Exotik, pure Erotik. Wenn das Blut durch meine Adern fließt, mein Körper sich aufprustet vor Wollust und ich nur noch leben möchte. Leben voller Leidenschaft und Lust.

Laut Lexikon sind Hämorrhoiden „arteriovenöse Gefäßpolster, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut angelegt sind und dem Feinverschluss des Afters dienen.“ Das wirkt doch richtig sympathisch! „Dienen“, wer hätte nicht gerne einen Diener. „Feinverschluss“ klingt richtig fein und reimt sich außerdem auf Kuss. „Enddarmschleimhaut“… okay, dazu fällt mir gerade auch nichts ein, aber „ringförmig“ – ich sehe Olympia, das größte Logo aller Zeiten und Höhepunkte und Exzesse. Und „Gefäßpolster“ – Polster, diese sanften weichen warmen Wesen, wahrhaft erlesen. Airbags sind Polster und retten unser Leben! Zugegeben, die zuweilen Beschwerden verursachende vergrößerte Hämorrhoide, die wir in der Regel meinen, tut das nicht. Aber wer wird denn gleich penibel werden.

Ich persönlich sehe Hämorrhoiden in einem ganz anderen Licht, in einem ganz anderen Schein. Hämorrhoiden, und das sage ich bewusst nur dieses eine Mal, bereichern unser Leben. Feuchtgebiete, ein Roman unserer Zeit, wäre nie ohne sie geschrieben worden. So detaillierte und zärtliche Aufmerksamkeit wird ihnen sonst selten geschenkt. Aber eigentlich haben wir eh nichts anderes verdient. Die Deutschen, diese heulenden Jammerlappen, diese „Oh-wir-haben-von-allem-viel-zu-wenig-nur-mein-Mann-der-ist-zu-dick, das-Auto-ist-zu-langsam-und-oh-meine-Haare-sitzen-ja-heute-überhaupt-nicht-ÜBERHAUPT-NICHT!“ Da kommen uns Hämorrhoiden gerade recht.

Hämorrhoiden verschaffen uns mehr Durchblick. Okay, lieber nicht wörtlich nehmen. Ich meine Durchblick über unser verdientes Leiden. Ich plädiere für einen offenen Umgang mit unserem Körper. Kult, das sollte er doch sein, mit allen, ich wiederhole: ALLEN seinen Innereien. Und die, die es am meisten davor grault, die essen Schweineinnereien. Ja ne, is klar.

Erwachet! Nein, ich bin kein Zeuge, ich habe Beweise, dass Offenheit uns allen weiterhilft. Bitte auch nicht unbedingt wörtlich nehmen. Aber wir sollten Schluss machen mit dem Tabu. Wussten Sie schon, dass über 50 rund jeder Zweite unter Hämorrhoiden leidet? Und ab jetzt gehen Sie hoffentlich mit anderen Augen durch die Fußgängerzone.

Sonntag, 20. September 2009

Berichterstattung 1.0



Ganz so schlecht wie es das mittlere Bild suggeriert, geht es mir zwar nicht. Aber der Gedanke kam mir schon, ob ein Jahr nur mit Red Horse oder San Miguel Beer und dem einheimischen Tanduay Rum nicht schnell langweilig werden könnte. Besonders Tanduay, das auch in den kleinsten Dörfern überall plakatiert wird, scheint eine gesellschaftliche Herausforderung darzustellen. Günstiger als Bier wird schnell klar, warum es stets und von allen getrunken wird.

Aber Langeweile kommt dann sicherlich doch nicht auf. Schließlich gibt es hier genug bettelnde Menschen, mit denen man in Kontakt treten kann. In den Städten betteln sie mehr um Geld, hier in der (idyllischen) Kleinstadt viel mehr um bloße Aufmerksamkeit. Als Weißer wird dir- besonders von Kindern und Jugendlichen- ständig gewunken und hinterher gerufen.
Zunächst einmal sind wir alle Amerikaner und heißen "Joe". Aber die erste Frage, selbst wenn wir nur unschuldig durch die Straßen wandern, ist die nach unserem wirklichen Namen. Besonders beliebt bei den Jungs- die Mädchen sind meist nur am kichern- ist das Mutproben-Spiel: "Wer traut sich am nähesten an den Weißen vorbeizugehen oder wer fässt sie sogar an?" Hin und wieder wird auch ein Kind geschubst, so dass es gegen uns stößt.

Gestern durften wir das Interesse der Bevölkerung an uns weißen Langnasen zu dritt auf einer "Students Party" auf dem Marktplatz "genießen". Dreißig um die fünf bis fünfzehn Jahre alten Kinder wichen uns keinen Schritt mehr von der Seite. Als wir dann deren Lehrerinnen kennen lernen "durften", hat eine von ihnen jeweils dem Lasse und mir ihre Tochter angeboten. Die Handynummer des angeblich wie wir beide auch 19-jährigen Mädchens und die Versicherung "See you soon" haben wir schon mal von ihr, der Tochter selbst haben wir lediglich die Hand geschüttelt.

Mittwoch, 16. September 2009

McParadise

Ich wusste es doch. So viele Menschen haben sich schon in die philippinischen Inseln verliebt, sind gar für immer dort geblieben. Da ist doch klar: Dieses Land muss etwas ganz besonderes haben. Und tatsächlich gibt es hier etwas, von dem man in Deutschland oft träumt und zwar überall und immer mal. Ob im Bett, betrunken auf einer Party oder nur in der der Mittagspause; ungestillte Bedürfnisse melden sich, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann.

Doch das Paradies ist hier stets verfügbar. Auf den Philippinen kann den Drängen jederzeit nachgegeben werden. So lasse ich mich jetzt einfach mal gehen, rufe an (optional: kurzer Website-Besuch) und ab dann darf ich ganz entspannt genießen: Den Moment, wenn es an der Tür klingelt und McDelivery den Big Mac direkt zu mir nach Hause liefert!

Montag, 14. September 2009

Meer-Gefahren

Panik. Schrecken. Tränen der Furcht. Eltern kennen diese angsterfüllten Augen, wenn dem Kinde die Iodtinktur auf die frische Wunde gelegt werden soll. Plötzlich tut die Verletzung dann doch gar nicht mehr so dolle weh. Aber wenn man das feststellt, ist es meist schon zu spät und die Mama schon längst einsatzbereit. Ich hatte gestern das Revival zu dieser extremen Gefühlswelt.

Denn gestern floss das erste Mal Blut bei mir. Auf einem winzigen Inselchen, Pearl Island, waren wir schnorcheln, wunderbare Sache. Meinem Fuß hätte ich die Bekanntschaft zu einer der Korallen aber dennoch gerne erspart gehabt. Eigentlich sind es nur harmlose Schürfwunden, aber Wundheilung ist laut Aussage unserer Mentorin eine "Katastrophe auf den Philippinen" und tatsächlich findet man auch bei Kindern hier fast nur völlig vereiterte Verletzungen.

Also blieb mir nichts anderes übrig als der Griff zur Flasche. Bei der Wahl zwischen des einheimischen Rums und des Iods habe ich zumindest dieses Mal letzteres vorgezogen. So schlimm wie wie Omas Zeiten ("Jod heißt Jod, weil man danach vor Schmerzen jodelt.") ist es aber tatsächlich nicht mehr. Mir geht es also immer noch gut, lang lebe die Forschung, die das (fast) schmerzfreie Iod erschuf!

Stolz auf den ersten Selbstversuch; Thema: Abwehrkräfte auf den Philis?

Sonntag, 13. September 2009

Jubiläum zum Morgen

Morgens halb acht auf den Philippinen. Der Pazifik plätschert bei irgendwas mit 20°C. Eine sanfte Brise weht über die bald wieder schwitzende Haut. Zum Frühstück gibt es (natürlich) Reis, ein komisches rotes (Kraut?-)Zeug mit (Frucht?-)Stückchen und Rührei mit Bananen-Ketchup aus dem Plastikpäckchen.

Wir weltwärts-Freiwilligen sind mittlerweile längst in der dritten Unterkunft angekommen, in der wir rund eineinhalb Wochen bleiben bis es uns letztlich in unsere Organisationen ziehen wird. Hier ist es aufgrund der Wassernähe und des verfügbaren W-Lans sicherlich am schönsten, auch wenn es sich in Wahrheit nicht um den Pazifik handelt, sondern um den Leyte-Golf und der Wasserblick nur bis zur nächsten Insel in rund 250 Metern reicht. Aber aushalten lässt es sich hier.

Dieser Post ist mein bisher positivster aus den Philippinen. Das hat einen ganz banalen Grund: Ich gratuliere mir hiermit mal selbst ganz herzlich zum 100. Post und wünsche auch meinen Lesern weiterhin viel Spaß und Freude am Leben. Wir hören uns.

Mittwoch, 9. September 2009

Erste Ernuechterung

Ich dachte, ich haette mich auf alles eingestellt. Habe mit allem gerechnet. Aber als ich dann ankam war doch alles so ganz anders. Nichts, auf das ich mich eingestellt hatte: Keine gruenen Maennchen mit Antennen auf dem Kopf, keine streunend-fliegenden Katzenhunde, noch nicht einmal einer Schiesserei durfte ich beiwohnen. Stattdessen sind hier auch, naja, Menschen, also mit Haaren, Augen, Nase, Ohren und Mund und so. Voellig verrueckt diese Welt.

Und auf diese erste Ernuechterung folgt auch sogleich die zweite: Es mangelt ja, das Land ist arm. Demzufolge verzichtet man hier auch auf das "Eszett" und sowieso auch auf Umlaute. Ich sagte ja bereits: Voellig verrueckt diese Welt.

Donnerstag, 3. September 2009

Ehrenhafter Wettstreit

Es gibt viele Ängste, die einen umtreiben, wenn man für ein solches Jahr den heimischen Kontinent verlässt. Fremde Sprache, fremde Menschen, fremde Kultur. Doch wie kann man sich einer solchen unbekannten Umgebung besser nähern als mit einer Rallye? So in etwa dachten sich das auch zwei weitere Philippinen-Freiwillige und ich.

Entstanden ist ein Wettstreit in 23 Disziplinen. Für jede Disziplin gibt es eine unterschiedliche Punktzahl, deren Erfüllung mit Foto bewiesen werden muss. Derjenige mit der höchsten Punktzahl wird nach den 12 Monaten umjubelter und gefeierter Held sein. Was sich unsere gescheiten Köpfe für Diszplinen ausgedacht haben? Da wären zum Beispiel...

- zur Wahlzeit in Manila mit einem Schild "Hey, Hostage Me" herumlaufen
- sich todesmutig und bewusst von einer Mücke stechen lassen
- Balut essen (*)
- sich Dinge im Wert von mindestens 200 € stehlen lassen (Mitleidspunkte)
- bei einem Hahnenkampf auf das richtige Tier setzen
- Cops bestechen
- Kohltour mit mindestens 17 Filipinos veranstalten
- Koboldmaki mindestens fünf Meter weit schleudern (**)
- Filipina heiraten (100 Punkte!)

Wir freuen uns auf ein spannendes Jahr.

* Balut gilt als ein sehr beliebter Zwischensnack. Im Grunde ist es ein einfaches Enten- oder Hühnerei, gekocht zwar, jedoch angebrütet.
** Der Koboldmaki ist die kleinste bekannte Primatenart. 15 cm gelten dort schon als viel.

Montag, 31. August 2009

Black & White

Es war irgendwie heiß. Die Sonne ließ den Sand wie flüssigen Teer erscheinen, die Felder glühten rötlich. Staubtrockene Luft schnitt die Kehlen von den drei jungen Mali-Brüdern auf, die keine besonders kreativen Eltern gehabt hatten. Dennoch fuhren Nummer 1, Nummer 2 und Nummer 3 auf ihren Drahteseln Richtung Stadt und freuten sich, so zumindest eine kleine Brise über Haut und Haar zelebrieren zu können.


Eigentlich galt die Stadt als heißes Eisen – und das war gerade bei diesen Temperaturen nicht das, was die drei Jungen suchten -, aber der Drang nach Arbeit trieb sie in das verweste Loch. Und vielleicht traf man ja doch einmal auf einen dieser sagenumwobenen weißen Götter, von denen ihnen schon so viel erzählt wurde, denen aber noch keiner der drei je begegnet war. Angeblich trieb eine Offenbarung mit dem Namen „weltwärts“ die Wesen in die Gegend, die so ganz anders sein sollten als sie selber mit ihrem schwarzen Aussehen. Eine fremde Sprache, eine sanftmütige, zarte Ader und sogar eine viel lieblichere Haut schrieb man ihnen zu, die man möglicherweise wie zufällig zu berühren imstande sein mochte, wenn man es geschickt anstellte.


Sie waren ganz in ihre schwelgerischen Träumereien versunken, als Nummer 2 schließlich keuchte: „Ich kann nicht mehr, Pause bitte.“ Also stiegen die drei Jungen ab und blickten in die weiten nach Wasser dürstelnden Felder. Da sahen sie auf einmal einige Zweige umschlagen und vernahmen ein zögerliches Rascheln. Angst überkam sie, wurde ihnen doch schon so viel über Exhibitionisten und wie irr stampfende Nashörner erzählt. Doch anstatt, dass sich eines dieser beiden Zwei-Nasen-Wesen zeigte, standen vor den jungen Maliern wie aus dem Nichts zwei Weiße. Große Überraschung bei den dreien, die wie angewurzelt stehen blieben. Erfüllte sich gerade die Prophezeiung?


Die Weißen blieben stumm. Stattdessen starrten sie sie nur mit einem engelsgleichen, träumerischen Blick an, der die Jungen mit wohliger Kühle und Hoffnung durchströmte. Die Weißen kamen näher und einer von ihnen striff flüchtig das Bein von Nummer 2. Dieser keuchte erneut auf. Diesmal nicht mehr vor Erschöpfung, sondern vor Verzückung. Er drohte von diesem puren Glücksgefühl erstickt zu werden. Diese weiche Haut, die er fast Fell nennen mochte. Nummer 1 und Nummer 3 waren noch ein wenig skeptisch, aber als die beiden Weißen, die viel kleiner waren, als sie es sich vorgestellt hatten auf einmal im Chor „Mähähä“ blökten, da wussten sie: Dieses war der vom Heiland versprochene Tag. Zwar gab es noch leichte Kommunikationsschwierigkeiten, aber die drei Jungen verstanden schnell, dass die gelegentlich etwas begriffsstutzig wirkenden Weißen ihnen gütig gestimmt waren. Sie ließen sich streicheln, auf den Arm nehmen und folgten den Jungs auch bereitwillig auf Schritt und Tritt.


In die Stadt wollten die Malier aber nicht mehr, lieber den Stammesfürsten die Sensation berichten und die beiden Wagemutigen vorstellen, die sich „Mäh“ und „Mähä“ nannten – was den dreien sehr sympathisch war, da sie die Namen offensichtlich nach einem ähnlichen Prinzip wie Nummer 1, 2 und 3 bekommen hatten. So waren alle Beteiligten in guter Stimmung, als sie sich wieder auf den Weg in Richtung Dorf machten. Trotz aller Freundlichkeiten verschwiegen die Jungen den beiden Weißen jedoch zunächst einmal, dass ihr Stamm aus lauter Kannibalen bestand.

Sonntag, 30. August 2009

Ich gehe weltwärts

Lang lang ist's her, als ich das letzte mal hier von mir hören ließ. Ich gebe zu, diese Flucht ohne Worte war nicht die feine Art. Ich hätte zumindest mal eine Ausrede erfinden können; dass das Internet kaputt ist, die Hämorrhoiden-Operation unerwartete Komplikationen hervorrief oder einfach, dass mein Tampon zu tief lag. Nichts von alledem, ich entschuldige mich recht lieb.

Dafür gibt es jetzt aber mal was Organisatorisches: Inhaltlich wird sich der Blog jetzt wohl ein bisschen wandeln. Das hat schon allein geographische Gründe. Für ein Jahr werde ich Deutschland nämlich ab nächsten Montag meinen (zugegeben attraktiven) Rücken kehren und den noch viel erotischeren Bauch den Philippinen präsentieren. Das Ganze ist möglich für mich vor allem dank des DEDs und des staatlichen weltwärts-Programms. Ganz kurz: Ich freue mich.

Aber keine Sorge, meine mehr oder weniger stark vertretene Fangemeinde: Ich wäre nicht ich, wenn ich hieraus jetzt ein ganz stinknormales (Reise-)Tagebuch machen würde. Auch wenn es gut sein mag, dass ich auch mal loswerde, wie es mir dort so ergeht. Aber letztlich möchte ich mich wieder mehr der Prosa und Poetik widmen, kleinen Anekdoten die erste Ehre erweisen und mich vielleicht auch noch das eine oder andere Mal zynisch der Realitäten unserer Welten nähern. Morgen fang ich, dann gibt's von meiner Seite schon einmal eine spannende Kurzgeschichte. Viel Spaß.