Sonntag, 18. Oktober 2009

Kraft! Wozu Freude?

Da gab es laut BILD einen kleinen Streit in Thailand um unten stehende Werbung für ein Wachsfigurenkabinett. Und das nutze ich jetzt einfach mal für ein intensives Update zu meiner "Kleine[n] Ethikkunde". Denn das Verhältnis der Filipinos zu Eroberern und Diktatoren ist -aus meiner Sicht- zumindest ungewohnt.


Dazu zunächst einen kurzen vereinfachten Überblick über die Geschichte der Philippinen:
- 1565 bis 1898: Spanische Kronkolonie (einhergehende Christianisierung; Ursprung für den bis heute stark ausgelebten Katholizismus)
- April bis August 1898: Spanisch-Amerikanischer Krieg (u.a.) auf philippinischem Territorium. Die zur gleichen Zeit stattfindende Philippinische Revolution führt am 12. Juni '98 zur philippinischen Unabhängigkeitserklärung, die jedoch von der neuen Kolonialmacht, den USA, nicht anerkannt wird. Es folgt:
- 1899- 1902: Philippinisch-Amerikanischer Krieg. Fazit dieser Zeit: Etwa eine Million Filipinos (20% der damaligen Bevölkerung) sterben, dazu vergleichsweise bescheidene 4.000 Amerikaner. Die Philippinen stehen bis 1941 fortan unter US-amerikanischer Verwaltung.
- 1941: Die Japaner erobern die Philippinen und sind während ihrer Gewaltherrschaft Ursache etlicher zerstörter Städte und Millionen toter Filipinos.
- 1945/46: Zum Ende des zweiten Weltkrieges erobern die US-Amerikaner die Philippinen zurück, entlassen sie 1946 formal in die Unabhängigkeit, sichern sich jedoch auf Jahrzehnte wirtschaftliche Sonderrechte und militärische Stützpunkte auf den Philippinen.
- 1965 bis 1986: US-amerikanisch unterstützte Diktatur unter Ferdinand Marcos. "Gleichschaltung" der Medien, Repressalien gegen Oppositionelle oder ganze Landstriche, etliche politische Morde, Kriegsrecht unter Marcos von 1972 - 1981, massive Verschuldung des Landes. Um nur einige Stichwörter zu geben.
Der enorme Volkswiderstand, Massendemonstrationen und die Seiten wechselnde Militäreinheiten stürzten Marcos letztlich, der von den US-Amerikanern in Sicherheit und nach Hawaii ins Exil gebracht wurde.
(Quellen: Wikipedia.de; payer.de)


Und wie gehen die Filipinos mit dieser Geschichte heute um? Nun, zunächst einmal verehren sie alles Amerikanische. Sie träumen vom Vorbild USA, ihren Festen, ihrem Essen, sie lieben Basketball und hören Hip Hop. Amerikanisch sein ist cool sein.
Vielleicht verständlich aufgrund der "Rettung" vor den Japanern, in Anbetracht der Jahrzehnte zuvor und vor allem des Philippinisch-Amerikanischen Krieges aber dennoch zumindest mit einem faden Beigeschmack.

Dann zu Marcos. Man weiß zwar sehr wohl, dass er viel Unglück über das Land gebracht hat, dennoch besucht man zum Beispiel voller Ehrfurcht den Santo Niño Shrine in (unserer großen Nachbarstadt) Tacloban City, eine der vielen Residenzen Marcos, die er seiner Frau hat bauen lassen. Außerdem habe ich mich in einem Interview mit unserer Arbeitskollegin Julie kurzzeitig an Eva Hermann zurück erinnert gefühlt. Es sei ja nicht alles schlecht gewesen, er habe auch schöne Gebäude und Kulturzentren errichtet... Einschränkend gab sie allerdings auch zu, dass die dunklen Seiten überwiegen würden und dass der Schrecken Marcos insbesondere in der Region Tacloban nicht so deutlich geworden wäre wie in anderen Gegenden.

Und zu guter letzt noch einmal zu Hitler. Es passiert zwar eigentlich ziemlich selten, dass wir als Deutsche sofort mit Hitler in Verbindung gebracht werden, aber Fragen wie, wo man denn sein Grab oder (wie den Santo Niño Shrine) seine Paläste bewundern könne, irritieren schon manchmal. Als ich erklärte, dass wir niemals auf die Idee kämen, einen öffentlichen Grabplatz zu errichten, waren die Augen groß und das "Warum nicht?" umso größer. Am vernünftigsten fand ich die mir einmal gestellte Frage: "Ist Hitler bei euch nun eigentlich ein Held?", weil damit das sonst oft nur unterschwellig mitklingende überhaupt erst einmal in Frage gestellt wurde.

Wiederum im Interview mit Julie (21) erfuhr ich etwas darüber, was ihr in der Schule gelehrt wurde. So habe Hitler ohne Zweifel unmenschliche und unverzeihliche Dinge getan. In einem anderen Satz erklärte sie mir aber auch, dass der Lehrer ihr in einem persönlichen Gespräch gesagt habe, die Existenz der Juden auf unserem Planeten sei "unfair", weil sie in der Gunst Gottes höher stünden als andere Menschen (was klar werden würde aufgrund der Bibel). Schwieriges Thema. Letztlich dominiert hier trotz allem wohl die Unwissenheit.

Unser Fazit (von mir und einem anderen Freiwilligen): Eroberer wie die Amerikaner, Menschen wie Marcos und Hitler werden nicht aufgrund ihrer Taten bewundert, aber es wird anerkannt, dass sie charismatische Führer gewesen seien, dass sie überhaupt es nach oben geschafft hätten und sie Menschen überzeugen und begeistern konnten. Darum geht es.
Dass sie letztlich doch alle viel Mist gebaut haben, steht auf einem anderen Blatt. Aber im gewissen Sinne haben sie einen beachtenswerten Aufstieg, eine respektable Leistung vollbracht. Das mag wohl alles schwierig zu trennen sein, in der Sache ist es jedoch verständlich, wenn auch nicht immer nachvollziehbar.

(Zum Wortunterschied im letzten Satz: Verstehen wird in der Wissenschaftsgeschichte primär als Sprachverstehen begriffen. Sinn machen muss da für den "Verstehenden" erst einmal noch nichts. Das ist erst beim Nachvollziehen der Fall.)

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wow du gibst dir ja richtig Mühe!
Da kann sogar unsereiner noch was lernen... ^^

Theo

Unknown hat gesagt…

So, jetzt habe ich auch die Zeit gefunden diesen wirklich sehr lesenswerten Beitrag durchzuarbeiten.

Mir gefällt wirklich sehr gut wie du unser Diskutiertes mit erarbeitetem Wissen belegst und erleuterst. Einer deiner besten Beitrage und dass heißt schon einiges. Schließlich gefällt mir fast jeder einzelne deiner Posts.

Lieber Gruß,
dein Zimmernachbar!